Alles Marken, oder was?
Manchmal stoßen einem ja Dinge zu, von denen man nicht wirklich weiß, ob man sie überhaupt veröffentlichen kann, ja man zaudert sogar sie im Freundeskreis zu erzählen. Schlicht und ergreifend weil das Leben wieder einmal so überdreht daher kommt, wie sich die Phantasie das nie, nie, nie ausdenken kann, ohne unglaubwürdig zu wirken. Und ich will ja nicht dass es dann heißt: Ach, der Udo, der erzählt ja immer nur so’n Schmontzes, so’n erfundenen.
Aber die folgende kabarett-reife Szene ist wirklich passiert und schreit nach Veröffentlichung. Der Ort lässt sich noch genau feststellen: Der Supermarkt Handelshof in Speyer, Auestraße, Zeit: Freitagabend letzter Woche.
Ich suche bei den Milchwaren im Kühlregal nach dem begehrten (Vorsicht, es folgt Werbung!!) Ehrmann, äh, sorry, dem Haselnuss-Joghurt von Ehrmann ((Bitte um) Nachsicht, das war (vermeidbare) Werbung.). Dabei komme ich in den Genuss das Gespräch zweier älterer Damen zu belauschen, die ganz offensichtlich darauf erpicht sind, einer Bekannten einen Gefallen zu tun.
Voll konzentriert auf der Suche nach meinem Lieblingsjoghurt, konnte ich erst gar nicht nachvollziehen, was die Damen meinten und nahm das Gespräch nur halb wahr. Dann erkannte ich aber, dass es sich keineswegs um eine neue schädliche Zutat in Joghurt handelte, also weder um Krokodilpanzerstaub oder -knochenmehl noch um in den Joghurt eingelassene feine Textilfasern, die selbstredend nur dazu dienen, ihm eine optimale und Käufer freundliche Beschaffenheit zu verleihen, die vor allem beim Herauslöffeln oder -leeren ersichtlich wird - ein idealer optischer Marker im Dienste der Kundenbindung. Die Unterhaltung der beiden Damen ging sinngemäß in etwa so:
“Ja, sie hat aber doch gesagt, dass sie diesen lacóste-freien Joghurt gern mag.” (Das “E” am Ende bitte aussprechen.)
“Dann lass uns also mal nach diesem Joghurt ohne Lacóste suchen.”
Kruschteln im Regal, hin und her, ja und nein, dabei fällt das Wörtchen “Lacoste” noch einige Male. Ich werde immer hellhöriger und als ich die Suche nach dem Haselnuss-Joghurt schließlich komplett aufgegeben habe, bin ich voll bei der Suche der Damen dabei, zumindest mit den Ohren :-). Und ich grinse innerlich mittlerweile breitest möglich. Aber der Clou kommt noch:
Eine der beiden Damen greift ins Regal, erwischt einen 500 ml Plastikbecher und beginnt die Beschriftung zu lesen.
“Hier, das ist so einer. Da steht’s: lacóste-frei”, und sie zeigt mit dem Finger auf eine Stelle auf dem Becher.
Jetzt kann mich nichts mehr halten. Lautlos lachend wende ich mich ab und hechte in den anderen Gang um meiner Belustigung freien Lauf zu lassen. Nicht dass sie ihren Fehler noch bemerkt und den spaßigen Irrtum vor meinen Augen auflöst :-). Würde ja den ganzen Spaß zunichte machen.
Ist es zu fassen? Sie hat die richtige Bezeichnung auf dem laktose-freien Joghurt sogar noch gelesen und dennoch ihren Fehler nicht erkannt. Es lebe die Korrekturfunktion des Gehirns, har, har. Besonders auch, wenn Sie solche Fehler korrigiert um der Umwelt einen Lacher zu bescheren :-). Oder gibt es vielleicht wirklich “lacóste-freien” Joghurt? Mist, ich hab nicht daran gedacht, das zu überprüfen… Weiß da jemand mehr?
Einerseits ist der Vorfall ja wirklich lustig, aber bei jedem Spaß gibt es immer auch ein bitterernste Seite. Und hier sehe ich den Hund in der alles beherrschenden Markenwelt begraben. Ich mein’, die Dame kommt ja nicht umsonst von Laktose auf Lacoste, das wir ja - wie alle in der Markenwelt des ausgehenden 20. Jahrhunderts aufgewachsenen - sofort als die “Marke mit dem Krokodil” erkannt haben. In den 80ern so richtig auf der Höhe und dann allenthalben gefälscht und schließlich (wegen der Fälschungen?) wieder in die B-Schublade der Marken abgerutscht. Jetzt stelle man sich einmal vor, die Leute griffen - wie im Fall der “Tempos” beispielsweise schon geschehen - statt der üblichen Bezeichnungen für die Dinge des alltäglichen Lebens zu Markennamen. Also zum Beispiel:
“Boah, ich hab mir heute mal wieder einen Haselnuss-Ehrmann reingezogen.”
Und wenn das so richtig überhand nehmen sollte:
“In Sachen Sports war ich heut in der Allianz(-Arena) und hab mir die T-Homes beim adidassen angevielmannt.”
Uahhhh, Werbeblöcke in der Alltagssprache, schlimm, schlimm. Und wenn es doch so kommen sollte, dann hilft auch kein Bangen und Hoffen. Dann müssen wir einfach auch mit diesem weiteren Schmarrn leben. Es lebe der Kapitalismus, äh der Sozialismus, ach Schmarrn, weder, noch. Willkommen im Zeitalter des Lauwarmen Kriegs der Marken …
Kein Kommentar
No comments yet
Leave a reply