Klasse! Ich bin überheblich
Ein Geständnis zum Start: Ich bin Abonnent der „Rheinpfalz“. Das ist eine regionale Tageszeitung wie vielleicht jede andere regionale Tageszeitung auch. Aber ich komme lieber gleich zum Punkt: Es geht um einen Kommentar, ich glaube vom Montag dieser Woche aus genanntem Blatt, gern von der Redaktion selbst, verspielt und im Versuch anheimelnd zu sein, RP genannt. Betitelt ist besagter Kommentar mit „Verfehlte Kritik“, Motto „Fernsehen nah gesehen“. Gelungenes Wortspiel, oder? Nein, nicht „Verfehlte Kritik“, Zweiteres.
Die Autorin Manuela Müller-Roth vertritt eine Meinung, die sie uns gleich im Vorspann klipp und klar kundtut: Fernsehen, das Arbeitslosen und Älteren ein Stück der Welt ins Wohnzimmer bringt, pauschal zu kritisieren, ist überheblich. Alles klar? Na, vielleicht doch noch nicht so ganz. Nur eines ist sicher: Der Beitrag schlägt sich ganz klar auf die Seite der Arbeitslosen und „Älteren“. Toll, sag ich, das bräuchten wir öfter in den Medien. Aber es bleiben die Fragen: Welcher Art ist das gemeinte, zu Unrecht pauschal abgefertigte Fernsehen? Geht’s hier um Sendungen à la „Musikantenstadl“, um Seifenopern und Nachmittags-Talk? Und vor allem: Wer sind die überheblichen Zeitgenossen? Ist hier jemand Bestimmtes gemeint und wird der vielleicht später noch genannt?
Also gut, ich will das wissen. Und lese weiter: Solange es Fernsehen gibt, gibt es auch seine Kritiker. Stimmt. Und je mehr Fernsehen geboten wird, umso größer wird diese Spezies. Ahhh, Hilfe, die Fernsehkritiker als Spezies sind Genmutationen unterworfen oder ein Opfer von Turbo-Hormonnahrung und werden immer größer. Ab diesem Satz sollte ich eigentlich aufhören zu lesen, denn das kann kaum noch schlechter werden. Oder, hehe, ich geh die Sache ganz anders an und betrachte dieses Glas als halb voll, und zwar halb voll mit Perlen. Eine Einladung zum Zerpflücken. Gebongt!
Natürlich ist nicht alles grundsätzlich informativ oder unterhaltend, was so über die Bildschirme flimmert. Aha, sieh da, bis hierher und nicht weiter: Die Autorin ergreift zwar Partei für Arbeitslose und Ältere, aber sie zählt sich nicht dazu. Naja, nen Job hat sie ja und man lese und staune, sogar als Leiterin der kleinen Sparte „Zeitgeschehen“ bei der RP!
Was aber der eine gut, der andere schlecht findet, muss jeder für sich selbst entscheiden – und er sollte dann auch den Mut haben, zu seiner Meinung zu stehen. Wie schon weiter oben, drängt sich einem der Gedanke auf, dass hier jemand Bestimmtes gemeint ist, vielleicht ein Kollege oder Bekannter. Wir erfahren daraufhin, dass diese schamlose Person sich ungeniert die „Lindenstraße“ reinzieht und Castingshows dazu – bähh, igitt – um dies anschließend skrupellos zu leugnen. Denn: Wenn gefragt wird, sieht kein Mensch die „Lindenstraße“ … und doch sind es jedes Mal Millionen. Mhhh, es könnte doch aber sein, dass Frau Müller-Roth einfach den oder (vielleicht waren es sogar wirklich mehrere) die Falschen gefragt hat. Na, schwamm drüber …
Daraufhin folgt im Kommentar ein längerer Infoblock, der uns Zahlen liefert. Die Deutschen sehen demzufolge gar nicht so viel fern - nur 227 Minuten pro Tag im Durchschnitt! Kawumm, das sind knapp vier Stunden pro Tag, Frau Müller-Roth. Aber hallo, das ist jede Menge! Mehr geglotzt wird in den USA (299), Italien (249) und Großbritannien (235). Nur in Japan (219) und Frankreich (214) wird weniger ferngesehen. Mhh, es scheint sich um ein Ranking der Industrienationen zu handeln. Die Quelle wird allerdings nicht genannt. Aber wollen wir mal nicht so sein, das ist schließlich ein Kommentar ohne viel Raum im Blatt. Der sich zudem auf keinen Bericht bezieht. Na, schwamm drüber …
Und dann, neuer Absatz: Zahlen, die Durchschnittswerte sind. Ach nee, wirklich? Das hatten wir zwar zu Beginn der Aufzählung schon erfahren und hätten es uns zur Not auch gedacht. Statt dieses Satzes hätte man vielleicht die Statistik-Quelle nennen können. Wär’ ein guter Ersatz, find ich, einfach interessehalber. Na, schwamm drüber …
Diesen verkrüppelten Satz aber verwendet die Autorin als Überleitung zum lesenswerten Endspurt. Hier werden zwei Fernsehzielgruppen elegant herausgerechnet, zum einen die Kids, die mittlerweile zu Computer und Internet abgedriftet sind. (Und wer bitte guckt Cartoons, Casting-Shows, Teenie-Serien, Nachmittags-Talk MTV, Viva und wie die ganzen Musik-Sender heißen?) Zum anderen die berufstätige Bevölkerung. O.k., nachvollziehbar.
Und jetzt kommt der Clou: Wer also sind die Vielseher? Es sind Arbeitslose und vor allen Dingen ältere Menschen, die sich ein Stück Welt via Bildschirm ins Wohnzimmer holen. Für viele ist es die einzige Möglichkeit, Informationen und Unterhaltung zu bekommen. Deshalb ist es überheblich, ein Massenmedium pauschal zu kritisieren, und statt Masse nur Klasse zu fordern.
Erstens: Mir kommen gleich die Tränen. Zweitens: Soso, die Masse bekommt also genau das Fernsehen, das sie verdient. Recht so. Für die ist doch der ganze Schund der da so auf und ab in der Glotze läuft wie geschaffen. Die brauchen keine Klasse, wissen sie wahrscheinlich eh gar nicht zu schätzen. Die sollen ruhig auf ihrem Niveau bleiben. Vielleicht könnten sie durch gutes Fernsehen ja aufgerichtet oder gar motiviert werden etwas anzupacken, was Ihnen vielleicht mehr Erfüllung bringt, als sich tagtäglich stundenlang mit medialem Schrott berieseln zu lassen.
Wir haben also ein Fernsehen für Arbeitslose und Ältere und dafür bezahlen wir dann auch noch fleißig Rundfunkgebühren. Damit Berufstätige, wenn sie zwischendurch mal einen Fernsehabend einlegen möchten nur noch frustriert von Sender zu Sender zappen und schließlich angewidert die Röhre abschalten. Und dennoch: Fordern wir Masse statt Klasse. Ich bin baff, Frau Müller-Roth, völlig sprachlos … Wie kann sich eine leitende Redakteurin der Sparte „Zeitgeschehen“ derart unqualifiziert zur Anwältin der medialen Verblödung erheben?
Mein übler Muskelkater vom exzessiven Drüberschwimmen über die inhaltlichen und formalen Pannen dieses Blattes dürfte sich aber bald bessern. Ich habe die RP gekündigt.
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