Archive for Januar, 2007
“Für Geld tun wir doch alles”
Aber die „Rheinpfalz“ ist nicht nur schlecht. Ab und an findet sich auch was Gutes darin. In der Rubrik Das Letzte zum Beispiel, fand sich vor etwa zwei Wochen folgenden Mini-Beitrag. Wirklich das Allerletzte, wie ich finde:
Was sagt man denn dazu? Kann das überhaupt möglich sein? Ich bin skeptisch. Also schnell auf Erento.com gesurft und auch gleich gefunden: In den letzten zwei Wochen ist die Zahl der unter dem Suchbegriff Demonstrant/Promoter gelisteten Leihmenschen deutschlandweit von 306 auf 319 gestiegen. Kein rasanter Zuwachs, aber dennoch: Immer mehr Menschen, schöne Menschen, weiblich, oft Models, gewinnt man den Eindruck, erklären sich dazu bereit, die politischen oder was auch immer für Ziele anderer Menschen zu vertreten. Schlicht und einfach gegen Geld. In Zahlen: für eine Tagespauschale (6 Stunden) von 145 Euro. Manch einer preist sich dabei regelrecht an mit Marketing-Phrasen wie:
-
“1A-Demonstrant mieten”
“Ich demonstriere für Sie”
“Demonstrant für alle Fälle”
“Junger, engagierter Demonstrant”
“Demonstrant tolerant und flexibel”
Aber die Leihdemonstranten sind nicht für alles zu haben. Darauf weist eine wohl von Erento vorgegebene Standardformulierung hin, die bei allen Leihdemonstranten zu finden ist: „Ich möchte darauf hinweisen, dass nicht alle Demonstrationsthemen meiner Meinung entsprechen und von diesen möchte ich mich dann auch distanzieren. Diese wären z. B. Demos für den Rechtsextremismus, Diskriminierungen o. ä.“ Immerhin …
Fazit: Die Westeuropäer haben das ideologische Zeitalter hinter sich gelassen. Auch diese Ära ist entzaubert. Angekommen sind wir im real existierenden Kapitalismus. Für Geld kann man alles haben. Auch einen menschlichen Körper, der so tut, als würde er die Ideale des Bezahlenden vertreten, na sagen wir lieber dessen politischen Ziele. Ideale sind ja over and out. Und wer könnte die ideelle Aushöhlung des heutigen Menschen besser auf den Punkt bringen als eben diese Leihdemonstranten?
PS: Dass Erento.com erst seit Weihnachten 2006 besteht, wie die “Rheinpfalz” den “Focus-Campus” zitiert ist schlichtweg falsch. Das Portal besteht seit Januar 2003, hat 4.500 registrierte Vermieter und 178.000 Vermieter. Ein kleiner Blick in die Rubrik “Zahlen und Fakten” hätte gereicht. Läuft Recherche im Studentenmagazin des “Focus Online” immer so? Und die Rheinpfälzer? Die hätte doch auch besser recherchieren können, wenn schon der “Focus-Campus” das nicht kann.
Klasse! Ich bin überheblich
Ein Geständnis zum Start: Ich bin Abonnent der „Rheinpfalz“. Das ist eine regionale Tageszeitung wie vielleicht jede andere regionale Tageszeitung auch. Aber ich komme lieber gleich zum Punkt: Es geht um einen Kommentar, ich glaube vom Montag dieser Woche aus genanntem Blatt, gern von der Redaktion selbst, verspielt und im Versuch anheimelnd zu sein, RP genannt. Betitelt ist besagter Kommentar mit „Verfehlte Kritik“, Motto „Fernsehen nah gesehen“. Gelungenes Wortspiel, oder? Nein, nicht „Verfehlte Kritik“, Zweiteres.
Die Autorin Manuela Müller-Roth vertritt eine Meinung, die sie uns gleich im Vorspann klipp und klar kundtut: Fernsehen, das Arbeitslosen und Älteren ein Stück der Welt ins Wohnzimmer bringt, pauschal zu kritisieren, ist überheblich. Alles klar? Na, vielleicht doch noch nicht so ganz. Nur eines ist sicher: Der Beitrag schlägt sich ganz klar auf die Seite der Arbeitslosen und „Älteren“. Toll, sag ich, das bräuchten wir öfter in den Medien. Aber es bleiben die Fragen: Welcher Art ist das gemeinte, zu Unrecht pauschal abgefertigte Fernsehen? Geht’s hier um Sendungen à la „Musikantenstadl“, um Seifenopern und Nachmittags-Talk? Und vor allem: Wer sind die überheblichen Zeitgenossen? Ist hier jemand Bestimmtes gemeint und wird der vielleicht später noch genannt?
Also gut, ich will das wissen. Und lese weiter: Solange es Fernsehen gibt, gibt es auch seine Kritiker. Stimmt. Und je mehr Fernsehen geboten wird, umso größer wird diese Spezies. Ahhh, Hilfe, die Fernsehkritiker als Spezies sind Genmutationen unterworfen oder ein Opfer von Turbo-Hormonnahrung und werden immer größer. Ab diesem Satz sollte ich eigentlich aufhören zu lesen, denn das kann kaum noch schlechter werden. Oder, hehe, ich geh die Sache ganz anders an und betrachte dieses Glas als halb voll, und zwar halb voll mit Perlen. Eine Einladung zum Zerpflücken. Gebongt!
Natürlich ist nicht alles grundsätzlich informativ oder unterhaltend, was so über die Bildschirme flimmert. Aha, sieh da, bis hierher und nicht weiter: Die Autorin ergreift zwar Partei für Arbeitslose und Ältere, aber sie zählt sich nicht dazu. Naja, nen Job hat sie ja und man lese und staune, sogar als Leiterin der kleinen Sparte „Zeitgeschehen“ bei der RP!
Was aber der eine gut, der andere schlecht findet, muss jeder für sich selbst entscheiden – und er sollte dann auch den Mut haben, zu seiner Meinung zu stehen. Wie schon weiter oben, drängt sich einem der Gedanke auf, dass hier jemand Bestimmtes gemeint ist, vielleicht ein Kollege oder Bekannter. Wir erfahren daraufhin, dass diese schamlose Person sich ungeniert die „Lindenstraße“ reinzieht und Castingshows dazu – bähh, igitt – um dies anschließend skrupellos zu leugnen. Denn: Wenn gefragt wird, sieht kein Mensch die „Lindenstraße“ … und doch sind es jedes Mal Millionen. Mhhh, es könnte doch aber sein, dass Frau Müller-Roth einfach den oder (vielleicht waren es sogar wirklich mehrere) die Falschen gefragt hat. Na, schwamm drüber …
Daraufhin folgt im Kommentar ein längerer Infoblock, der uns Zahlen liefert. Die Deutschen sehen demzufolge gar nicht so viel fern - nur 227 Minuten pro Tag im Durchschnitt! Kawumm, das sind knapp vier Stunden pro Tag, Frau Müller-Roth. Aber hallo, das ist jede Menge! Mehr geglotzt wird in den USA (299), Italien (249) und Großbritannien (235). Nur in Japan (219) und Frankreich (214) wird weniger ferngesehen. Mhh, es scheint sich um ein Ranking der Industrienationen zu handeln. Die Quelle wird allerdings nicht genannt. Aber wollen wir mal nicht so sein, das ist schließlich ein Kommentar ohne viel Raum im Blatt. Der sich zudem auf keinen Bericht bezieht. Na, schwamm drüber …
Und dann, neuer Absatz: Zahlen, die Durchschnittswerte sind. Ach nee, wirklich? Das hatten wir zwar zu Beginn der Aufzählung schon erfahren und hätten es uns zur Not auch gedacht. Statt dieses Satzes hätte man vielleicht die Statistik-Quelle nennen können. Wär’ ein guter Ersatz, find ich, einfach interessehalber. Na, schwamm drüber …
Diesen verkrüppelten Satz aber verwendet die Autorin als Überleitung zum lesenswerten Endspurt. Hier werden zwei Fernsehzielgruppen elegant herausgerechnet, zum einen die Kids, die mittlerweile zu Computer und Internet abgedriftet sind. (Und wer bitte guckt Cartoons, Casting-Shows, Teenie-Serien, Nachmittags-Talk MTV, Viva und wie die ganzen Musik-Sender heißen?) Zum anderen die berufstätige Bevölkerung. O.k., nachvollziehbar.
Und jetzt kommt der Clou: Wer also sind die Vielseher? Es sind Arbeitslose und vor allen Dingen ältere Menschen, die sich ein Stück Welt via Bildschirm ins Wohnzimmer holen. Für viele ist es die einzige Möglichkeit, Informationen und Unterhaltung zu bekommen. Deshalb ist es überheblich, ein Massenmedium pauschal zu kritisieren, und statt Masse nur Klasse zu fordern.
Erstens: Mir kommen gleich die Tränen. Zweitens: Soso, die Masse bekommt also genau das Fernsehen, das sie verdient. Recht so. Für die ist doch der ganze Schund der da so auf und ab in der Glotze läuft wie geschaffen. Die brauchen keine Klasse, wissen sie wahrscheinlich eh gar nicht zu schätzen. Die sollen ruhig auf ihrem Niveau bleiben. Vielleicht könnten sie durch gutes Fernsehen ja aufgerichtet oder gar motiviert werden etwas anzupacken, was Ihnen vielleicht mehr Erfüllung bringt, als sich tagtäglich stundenlang mit medialem Schrott berieseln zu lassen.
Wir haben also ein Fernsehen für Arbeitslose und Ältere und dafür bezahlen wir dann auch noch fleißig Rundfunkgebühren. Damit Berufstätige, wenn sie zwischendurch mal einen Fernsehabend einlegen möchten nur noch frustriert von Sender zu Sender zappen und schließlich angewidert die Röhre abschalten. Und dennoch: Fordern wir Masse statt Klasse. Ich bin baff, Frau Müller-Roth, völlig sprachlos … Wie kann sich eine leitende Redakteurin der Sparte „Zeitgeschehen“ derart unqualifiziert zur Anwältin der medialen Verblödung erheben?
Mein übler Muskelkater vom exzessiven Drüberschwimmen über die inhaltlichen und formalen Pannen dieses Blattes dürfte sich aber bald bessern. Ich habe die RP gekündigt.
EasyCredit – wer steckt dahinter?
Die Methoden von easyCredit und die Tatsache, dass der Laden da wie ein Pilz aus dem Boden geschossen war, haben mich neugierig gemacht. Also hab ich mal die Recherche-Maschine angeschmissen und folgendes herausgefunden:
Hinter easyCredit steckt die norisbank AG, mit Sitz in Nürnberg. Die norisbank AG ist die erste Bank die – seit 2000 – im Internet Kredite mit einer Online-Sofortzusage verkauft, eben easyCredit. 2005 hat sie das Kreditgeschäft völlig von den anderen Bankgeschäften losgelöst und ihre Kredite über Fachgeschäfte in Einkaufszentren und Innenstädten angeboten. Außerdem vertreiben über 900 Volksbanken und Raiffeisenbanken äußerst erfolgreich den easyCredit: seit zwei Jahren wächst das Produkt zweistellig beim Neugeschäft.
38 neue easyCredit-Filialen auf einen Schlag
Am 16. Oktober 2006 setze eine aggressive Expansionspolitik von easyCredit ein. An diesem Tag kündigte der „Noch-Besitzer“, die norisbank AG, die Eröffnung von 38 neuen easyCredit-Filialen. Bereits 2007 sollen insgesamt über einhundert Standorte erschlossen sein. Was war passiert? Woher plötzlich das viele Geld für die neuen Filialen und diese starke Ausrichtung aufs Ratenkreditgeschäft?
Die DZ Bank, Besitzer der norisbank AG, hat im Sommer 2006 alle Filialen und rund 335.000 Bankkunden sowie den Namen norisbank an die Deutsche Bank veräußert. Zum stattlichen Preis von 420 Millionen Euro. Das Kernprodukt der norisbank aber, der easyCredit, verbleibt im Besitz der DZ Bank. Plötzlich ist also jede Menge Geld im Säckel und das kann ungehindert in die Expansion von easyCredit fließen, auch ins Ausland.
Europa mit Krediten überziehen
Bereits in diesem Jahr will die DZ Bank erste Entscheidungen treffen, in welchen Ländern sie damit an den Start geht. Polen, Tschechien und Österreich kämen für die Internationalisierung in die engere Wahl. Nach den Worten von Norisbank-Vorstandschef Theophil Graband kostet eine easyCredit-Filiale 100.000 bis 150.000 Euro. Dann ist aus der Verkaufssumme für die norisbank-Filialen ja noch einiges für neue Standorte frei …
Die Financial Times Deutschland bestätigt, dass sich die DZ Bank verstärkt im wachsenden Geschäft mit Ratenkrediten profilieren will. Genauso wie die Deutsche Bank, die Dresdner Bank sowie die ebenfalls auf Wachstum bedachten Ratenkredit-„Platzhirsche“ Citibank und Santander Consumer. “Box!”
Euer Udo
Comments(0)